In der akutellen Jungle World findet sich der Artikel Hitlers Kinder, der das neue Buch von Götz Aly „unser Kampf“ rezensiert. Götz Aly, noch vor nicht allzulanger Zeit von allerlei Post-Antifas wegen seines Buches „Hitlers Volksstaat“ kritisiert, avanciert nun scheint es zum Mitstreiter in Sachen RAF und ’68 Bashing*. Die „politischen Gemeinsamkeiten [der RAF und der ’68ger] mit den Nazis“ stehen laut Luise Hirsch im Zentrum von Alys Buch, und diese These gefällt Hirsch. Vermeintliche Belege, die bei Aly fehlen oder zu kurz kommen, liefert sie nach, etwa „Horst Mahlers mitnichten zuzfälliger Wandel vom Apo-Unterstützer zum prominentesten deutschen Nazi der Gegenwart“. Scheint diese Aussage noch auf den ersten Blick richtig**, entpuppt sie sich als das typisch bürgerliche Geschichtsbild, das alle Geschichte nur als Vorstufe zum Jetzt begreifen kann, keine Entscheidung, Veränderung und keinen Bruch kennt, weder in der persönlichen Biographie, noch in der Geschichte überhaupt. Die hier suggerierte Identität des Lebenslaufs eines Menschen ist schlicht dumm. Johannes Agnoli kann, obwohl in seiner Jugend Mitglied der Wehrmacht und einer faschistischen Jugendorganisation sicher nicht als Faschist bezeichnet werden. Hans-Jürgen Krahl, aus der Jungen-Union und anderen reaktionären Organisationen kommend, hat seine Klasse, wie er selbst meinte, „gründlich verraten“, und sogar ehemalige Mitglieder der PDS-Jugend haben sich schon zu etwas trockenen, aber keinesfalls bornierten Kritikern des Kapitalismus und Marx-Kennern gemausert. Darüber hinaus zeigt das Beispiel Krahl, dass es durchaus emanzipative Tendenzen in der ’68 Bewegung (auch) in Deutschland gab. Datlev Claussen, Dan Diner, Moishe Postone oder auch Förderer der ’68er wie Fritz Lamm u.A. sind kaum als Hilters Kinder zu bezeichnen.
Neben dieser dreisten Dummheit strotz der Artikel auch noch von jenem Geist, aus dem der Nationalsozialismus -wie Adorno, Horkheimer, Sohn-Rethel und andere festhielten- tatsächlich stammt. Jenen, die mit dem Anspruch auftraten, die Vergangenheit aufzuarbeiten, d.h. die Bedingungen abzuschaffen die Auschwitz ermöglichten, wird entgegen gehalten, sie seien samt und sonders eigentlich selbst Nazis gewesen. Der Behauptung, der deutsche Nachkriegsstaat und seine Institutionen seien „die eigentlichen Bastionen der Rechtsstaatlichkeit und Demokratie“ gewesen***, habe fleißig Prozesse geführt und entnazifiziert ****, offenbart auch eine völlig obskure Faschismusanalyse, in der der demokratische Staat inkl. seiner Rechtsstaatlichkeit und seinen Institutionen als das Gegenteil des Faschismus erscheint und zum anbetungswürdigen Objekt wird.
*Von Roter Ruhr Uni bis Bahamas mischen alle mit. Eine angenehme Ausnahme im allgemeinen ’68 Bashing stellt übrigens überaschenderweise Gremlizas Artikel „Die Wahrheit über ’68″ in der aktuellen Konkret dar.
Das Problem der Debatte ist nicht, dass die ’68er und die RAF kritisiert werden, sondern wie. Die ’68 inkl. der RAF müssten an ihrem Anspruch gemessen werden: der sozialistischen Revolution, und ihnen vorgehalten werden, dass sie darin gescheitert sind, weil sie weder einen Begriff des Kapitalismus noch des Staates hatten und die aus diesem Mangel resultierende Ideologie ihren Blick auf die Verhältnisse verschleierte und ihre Pläne durchkreuzte. D.h. nicht zu kritisieren wäre, dass die RAF in revolutionärer Absicht losschlug, sondern wie und wen sie schlug und sie nicht einpackte, als klar wurde, dass sie die sozialistische Revolution nicht beförderte. Trotz alledem stellen die ’68 den Ausgangspunkt des Versuches dar, eine materialistische Kritik der Gesellschaft nach dem Natioansozialismus zu schaffen.
Interessant sind unter diesem Gesichtspunkt die Beiträge von Bruhn und Pohrt in „Die alte Straßenverkehrsordnung – Dokumente der RAF“, und Emil Marenssin „Stadtgurilla und soziale Revolution“.
**Welche biographische Entwicklung oder Veränderung verläuft schon zufällig, ausser einem Lotto-Gewinn oder dem Umstand, angefahren zu werden, fällt mir da sehr wenig ein, das hier suggierete Gegenteil, es gebe eine Art Entfaltung oder determinierte Entwicklung einer Person ist allerdings ebenso hirnrissig.
***Wer soll das sonst sein? Wäre die APO in ihrer Gänze ein Vertreter der Rechtstaatlichkeit und Demokratie gewesen, wäre sie gerade dafür zu kritisieren. Dass die Jungle World Artikel von Leuten abdruckt, die Rechtstaatlichkeit und Demokratie tatsächlich als nicht nur als gegenwärtig notwendige sondern sogar als positive setzen, ist ebenso peinlich, wie die Vorstellung, Demokratie und Rechtstaatlichkeit seien ein Bollwerk gegen den Nazi-Faschismus gewesen, historisch falsch.
****Die deutsche Entnazifizierung war so mangelhaft, dass ehemalige Naziskader nicht nur die meisten Führungspositionen in Gesellschaft und Wirtschaft besetzten, sondern auch Arbeitgeberpräsident, Generäle in der neuen Bundeswehr und Bundeskanzler werden konnten.
Sehr richtig.
BTW: Sie sind verlinkt.
merci.